Situation und Perspektiven des deutschsprachigen Fachunterrichtes (DFU) an der Humboldtschule-Lima

Fachschaft Deutsch
Nahezu alle deutschen Auslandsschulen sehen sich mit dem Problem konfrontiert, dass die Zahl der muttersprachlich deutschen Schüler stark rückläufig ist.
Da die Schulen nach der Zahl der deutschsprachigen Schulabschlüsse vom deutschen Staat wirtschaftlich unterstützt werden, suchen die Schulen andere Wege, die Zahl dieser Absolventen weiterhin hoch zu halten: Sie fördern verstärkt das Deutsch jener Schüler, die keinen deutschen familiären Hintergrund haben.
Die Humboldtschule Lima ist - verglichen mit vielen anderen Auslandsschulen - in einer günstigen Ausgangssituation, denn in den 70er und 80er Jahren war die Zahl der vermittelten Lehrer so hoch, dass fast der gesamte Fachunterricht auf Deutsch erteilt wurde. Die Folge war eine große Zahl sehr gut Deutsch sprechender peruanischer Absolventen, von denen heute viele zum Kollegium der Humboldtschule zählen.
In den Folgejahren wurde dieses breite Deutschangebot aufgrund sinkender Quoten vermittelter deutscher Lehrer stetig gekürzt.
Seit gut einem Jahrzehnt begann man in Lima die "noch" vorhandenen Möglichkeiten zu pflegen, in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern der Mittelstufe zu konzentrieren und verstärkt deutschsprachige Ortslehrkräfte für diesen Unterricht zu gewinnen und zu fördern. Damit ist die Humboldtschule verglichen mit anderen Schulen noch immer in einer guten Ausgangsposition, denn dieses Angebot, das hier quasi als Erbschaft der „goldenen“ 80er Jahre möglich ist, versuchen andere Schulen unter großen Mühen erst aufzubauen.
Die Früchte dieser Fokussierung der DFU-Arbeit können nun alljährlich in der konstant großen Zahl der erlangten deutschen Sprachdiplome und erfolgreicher Abiturienten geerntet werden. Hier nimmt Lima einen weltweiten Spitzenplatz ein.
Doch die Situation in diesem Bereich wird sich in den nächsten Jahren weiter verändern, denn die Haushaltslage des BVA lässt vermuten, dass die Fördermittel weiter zurückgehen werden.
Meiner Ansicht nach hat die Humboldtschule daher, wenn sie die hohe Quote an Absolventen halten möchte, nur die Chance, sich auf ihre großen Ressourcen an deutschsprachigen Ortslehrkräften zu konzentrieren und diese auch im DFU-Bereich zu pflegen und auszubauen.
Bislang werden noch gar nicht alle Möglichkeiten, die die Schule hat, das Deutsch der Schüler zu fördern, ausgeschöpft. Ein Großteil der im Kindergarten und der Primaria unterrichtenden Lehrerinnen beherrscht die deutsche Sprache gut, was leider in unserem Schulalltag nicht immer genutzt wird. Auch in höheren Klassen gibt es viele Lehrer, die – obwohl sie die deutsche Sprache sehr gut, teilweise sogar muttersprachlich beherrschen – ihren Fachunterricht auf Spanisch abhalten. Dies hat zum Teil schulorganisatorische Ursachen, sollte aber in meinen Augen unbedingt überdacht werden. Erfreulicherweise bewegt sich seit etwa zwei Jahren unser Kindergarten dahin, gezielt das Deutsch im Kindergartenalltag auszubauen. Es ist sehr zu wünschen, dass dieser Funke auch auf den Rest der Schule, zunächst vor allem auf die Primaria, überspringen wird.
Es ist nichts Verwerfliches in einer deutsch-peruanischen Begegnungsschule auch Deutsch zu sprechen und keine "Deutschtümelei", sondern ist ein grundsätzliches Anliegen der Schule; nicht zuletzt deshalb schicken Eltern ihre Kinder zu uns. In anderen Auslandschulen Limas, beispielsweise englischsprachigen, ist die Schulsprache innerhalb des Schulgeländes Englisch, und auch in unserer Schule kommunizieren - wie selbstverständlich – unsere Englischlehrer mit ihren Schülern auch außerhalb des Unterrichts auf Englisch. Aber warum sprechen Lehrer, die perfekt die deutsche Sprache beherrschen, ja sogar für das Fach Deutsch vermittelte Lehrkräfte innerhalb der Schule, in Pausen, im Sekretariat, in Arbeitsgemeinschaften, auf Klassenfahrten und manchmal sogar im Unterricht Spanisch? Warum bietet der "cineclub-Humboldt" nur Filme in Spanisch oder Englisch an? Hier sollte das Bewusstsein für die Situation unserer deutsch-peruanischen Begegnungsschule geschärft werden.
Des Weiteren ist zu wünschen, dass die didaktisch-methodischen Impulse für den deutschen Fachunterricht in Zukunft noch mehr angenommen und im Unterricht gepflegt werden. Viele Fortbildungen und Beratungen werden und wurden in diesem Bereich durchgeführt und trotzdem überwiegt in diesen Fächern noch immer eine sprachlich klar vom Lehrer dominierte Unterrichtsform. Es muss das Ziel sein, die aktiven Sprachanteile deutlich zu Gunsten der Schüler zu verschieben. Dies ist methodisch realisierbar, erfordert jedoch ein Umdenken und ein Sichzurücknehmen des Lehrers sowie, zugegebenermaßen, Einschränkungen in fachwissenschaftlicher Hinsicht.
Die Integration von Spracharbeitsmethoden im DFU wird in Zukunft noch viel mehr in den so genannten A-Klassen bis in die Oberstufe hinein betrieben werden müssen. Längst ist der Anteil an Nicht-Muttersprachlern auch in diesen Klassen dominant, da begabten Schülern der Übertritt ermöglicht wird. Es ist notwendig, auch diesen Schülern im Fachunterricht Hilfen zum Erwerb der Fachsprache anzubieten und viel Raum für Sprachpraxis zu geben. Meiner Ansicht nach ist in diesen Klassen seit etwa drei Jahren ein erfreulicher Prozess in Gang gekommen, denn es werden gezielt Unterrichtsphasen mit hoher Schüleraktivität und eigenverantwortlichem Lernen gefördert. Hierzu trug beispielsweise die Fortbildung von Herrn Klippert 2002 bei. Die Grundideen des Seminars wurden gerade im vergangenen Schuljahr wieder verstärkt aufgenommen. Aus DFU-Sicht ist dies immer dann sehr erfreulich, wenn die Schüleraktivität mit der deutschen Sprache verknüpft ist, d.h. wenn die Schüler Vorträge üben, Texte erstellen, Poster gestalten usw.
Abschließend möchte ich festhalten, dass ich mir für unsere Schule sehr wünsche, dass die Ideen des eigenverantwortlichen Arbeitens der Schüler, die Methoden des DFU sowie der Gedanke, Deutsch als Alltagssprache in den Vordergrund zu rücken, auch weiterhin gepflegt bzw. ausgebaut werden.
Für das Zusammenleben und die Zusammenarbeit mit allen Kollegen –am Ende eines solchen Berichts natürlich besonders mit den DFU-Kollegen - möchte ich mich nach fünf wunderbaren, intensiven Jahren bei allen ganz herzlich bedanken und alles Gute für die Zukunft wünschen.
Helmuth Biernoth